Jobkiller Alkohol ?

„Jobkiller-Alkohol“

So titelte Anfang Januar die online-Ausgabe der „Zeit“. Weil der Chef der britischen Liberalen, Charles Kennedy,  seinen Führungsposten verloren hatte; dieser hatte sich in aller Öffentlichkeit als Alkoholiker geoutet. Das sei nun aber Schnee von gestern, er habe nämlich seit zwei Monaten nicht mehr getrunken.

Na so was; abgesehen von der Tatsache, dass Alkoholismus eine chronische Erkrankung ist, sollte denn in England noch niemand begriffen haben, dass man dafür nicht einfach entlassen werden kann. Jedenfalls wenn man bereit ist etwas dagegen zu tun. Und das Eingeständnis Alkoholiker zu sein, ist ein erster und wesentlicher Schritt dahin.

Hier bei uns in Deutschland hat das doch inzwischen fast jeder Großbetrieb verstanden; im Öffentlichen Dienst in Hamburg z.b. gibt es entsprechende Dienstvereinbarungen und Stufenpläne, die erklären und beschreiben, was im Fall des Falles zu tun ist. Wenn man sich an die Regeln hält und Hilfe in Anspruch nimmt, muß kein Alkoholiker befürchten seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Ich bin sicher, dass es auch in England vergleichbare Hilfsangebote gibt.

Warum sollte auch die Gemeinsamkeit zwischen Briten und Deutschen bei ihren exzessiven Trinksitten aufhören, die man ohne Übertreibung auch als Saufkultur präzisieren könnte – auch wenn einem der Begriff Kultur in diesem Zusammenhang merkwürdig deplaciert erscheint. Gleichwohl sind Briten und Deutsche seit Jahrzehnten Spitze in der Welt was das Biertrinken angeht.

Nun könnte man womöglich befürchten, dass diese gewaltigen Mengen, die insbesondere die Männer vertilgen – es sind nämlich überwiegend Männer, die sich dieser Art des Trinkgenusses hingeben – ihnen so nachhaltig die Gehirne vernebelt haben, dass sie insgesamt einfach nicht mehr in der Lage sind, zwischen einem begrenzten Konsum und einem unkontrollierten, permanenten Betrunkensein zu unterscheiden.

Doch die Erfahrung zeigt, und da kann ich auf eigene Erkenntnisse als Suchtbeauftragter der Hamburger Hochschulen und auf die meiner Kolleginnen und Kollegen zurückgreifen, dass Alkoholprobleme in Betrieben wie auch im privaten Umfeld, gerne verharmlost und z.T. sogar lange vertuscht werden. Nicht weil hier alle „unter Strom stehen“, sondern weil man einfach einem unliebsamen Konflikt aus dem Weg gehen möchte.

Doch bleiben wir noch einen Moment bei unserem schottischen Protagonisten. Die Tatsache, dass er Schotte ist und darum sowieso reichlich dem Alkohol zuspricht, sollte uns allerdings nicht in Sicherheit wiegen, uns beträfe das alles gar nicht. Auch bei uns hätte das passieren können. Und mit dem einstigen FDP-Bundestagsabgeordneten Kleinert, der auch gerne mal nach etlichen Gläsern Bier vor das Mikrophon trat, war es in den 80er Jahren nur wegen seiner politischen Bedeutungslosigkeit und weil er gar keine Ausnahme im Kreise seiner Mandatskollegen darstellte, nicht so weit gekommen.

Charles Kennedy war doch nicht erst seit ein paar Wochen Alkoholiker. Um dahin zu kommen, bedarf es eines jahrelangen regelmäßigen Trinkens. Und das bleibt niemandem in der Umgebung verborgen. Vielleicht erinnern sich einige noch an den tragischen Hubschrauberabsturz vor einigen Jahren in Hamburg. Die Piloten hatten bei ihrem Flug noch 1,5 Promille Alk. im Blut.

Die medizinischen Untersuchungen ergaben eine Alkoholkonzentration von 2.3 Promille acht Stunden vor Dienstbeginn. Dass die beiden Piloten im betrunkenen Zustand fähig waren, ein so kompliziertes Fluggerät wie einen Hubschrauber zu steuern, konnte nur funktionierten, weil sie das Trinken offensichtlich gewöhnt waren, und die gestörte Wahrnehmung, die sich als Folge des Alkoholkonsums zwangsläufig einstellt, mit der Routine des Gewohnheitstrinkers ausgleichen konnten. Es bedarf aber nur einer kleinen Abweichung von dieser Routine und es kann eine Katastrophe eintreten. Obwohl im Nachhinein zahlreiche Auffälligkeiten im Verhalten der Piloten bekannt wurden hatte es offenbar keiner gewagt zu intervenieren.

So war es auch bei Kennedy gewesen. Seit mehr als zwei Jahren hatte sein Alkoholismus immer häufiger zu peinlichen Ausfällen geführt: er verpasste wichtige parlamentarische Auftritte, hielt konfuse Reden, verhaspelte sich während des Wahlkampfes und bot, schwitzend und mit hochrotem Kopf, allzu häufig ein Bild postalkoholisierten Jammers, so die „Zeit“. Wie, so fragt man sich, war es möglich, dass hier niemand entschlossen eingeschritten ist? Immerhin stand doch die Reputation einer ganzen Partei auf dem Spiel?

Nun, dafür gab es mehrere Gründe und wenn ich diese im Weiteren vorstelle, überkommt vielleicht auch die eine oder den anderen der Gedanke „Nachtigall ick hör` Dir trapsen!“.

Im Westminster Palace, wurde schon immer heftig getrunken, um nicht zu sagen gesoffen. Und während in ganz Groß-Britannien die Sperrstunde galt, konnte man sich dort rund um die Uhr voll laufen lassen. Bei einem derartig „vorbildhaften Umgang mit Alkohol“ wollte offenbar keine Krähe der anderen ein Auge aushacken. Die Intervention gegen einen alkoholisierten Kollegen ist immer auch eine Konfrontation mit dem eigenen Trinkverhalten; und so mancher hat da seine Leiche im Keller.

Ein weiterer Grund nicht auf sofortigen Trinkstopp und eine baldige Inanspruchnahme therapeutischer Hilfe zu drängen, lag in der scheinbaren Folgenlosigkeit seines Trinkens: die Liberalen gewannen unter Kennedys Führung mehr Stimmen und Sitze als je zuvor.

Dieses Wegsehen vor dem Alkoholproblem kennen ich auch bei uns. Es kumuliert in dem zynischen Ausspruch, dass der Kollege zwar offensichtlich häufig alkoholisiert sei, aber in diesem Zustand immer noch mehr erledige, als einige seiner nüchternen Kollegen.

Diese vermeintliche besondere Leistungsfähigkeit von Alkoholikern ist i.d.R. nur Ausdruck ihres schlechten Gewissens und der Versuch der Betroffenen befürchteten Interventionen vorzubeugen. Über kurz oder lang wird  dieser Versuch, sich bei der Arbeit besonders zusammen zu reißen, in sich zusammenbrechen, weil die Leistungsfähigkeit eines Alkoholikers objektiv geschwächt wird. Und so zeigte es sich schließlich auch bei Kennedy.

Interessant ist vielleicht auch noch die Reaktion der Wähler auf sein immer deutlicher werdendes Alkoholproblem. Sie gaben der Partei mehr Stimmen als je zuvor und seine ruhige gelassene Art wurde geschätzt. Böse Zungen spotteten, dass sei wohl eher der sedierenden Wirkung des Alkohols zuzuschreiben als Absicht.

Es gibt bis zu einem gewissen Punkt eine Art von Solidarität mit einer vermuteten Alkohol-Schwäche eines Menschen, auch oder sogar gerade dann, wenn dieser in der Öffentlichkeit steht. Diese Reaktion ist Teil der allgemeinen Verharmlosung des Problems und gleichzeitige Legitimation des eigenen, womöglich auffälligen Trinkverhaltens. Motto: „Wenn der mit seinem Saufen einen guten Job macht, darf ich doch wohl auch...“

Ein entscheidender Grund aber für den letztlich ignoranten und gefährlichen Umgang mit Betroffenen liegt in der Fehleinschätzung des Alkoholproblems an sich. Alkoholismus ist eine chronische, schwere Erkrankung, die i.d.R. nur mit professioneller Hilfe und dauerhafter Abstinenz überwunden werden kann.

Charles Kennedy hatte sich offenkundig keinen fachlichen Rat und keine Unterstützung geholt. In der Hoffung durch ein medienwirksames Schuldbekenntnis noch einmal den Kopf aus der „Abstinenzschlinge“ ziehen zu können, fabulierte er bei seinem öffentlichen Eingeständnis munter drauf los: „Ja, ich war ein Alkoholiker, gestand er, doch in den vergangenen zwei Monaten war ich garantiert trocken. Kein Grund also mich in die Wüste zu schicken“.

Ausgerechnet die Wüste, Inbegriff aller Hitze und Trockenheit, als seinen ihm angedrohten Verbannungsort zu bejammern, wirkt wie die unfreiwillig-komische Enthüllung seiner schlimmsten Alkoholiker-Apokalypse.

Ein Alkoholiker ist ein Alkoholiker und bleibt es. Das ist wie mit einer Allergie, die hat man – jedenfalls in der Regel – ein Leben lang. Wenn man den Stoff meidet, der die Allergie auslöst, kann man damit ganz gut leben. So ist das mit dem Alkohol auch. „Ich muß nur das erste Glas stehen lassen“, wie die Anonymen Alkoholiker sagen, dann kommt man mit der Erkrankung recht gut klar. Wenn ein Alkoholiker aber wieder trinkt, beginnt der alte Kreislauf von vorn.

Eine Antwort auf die Frage wie eine derartige Entwicklung zu verhindern sei, liefert der „Zeit“-Artikel gleich mit. Allerdings offenbart er damit wie begrenzt doch seine Erkenntnis über die Problematik des Alkoholismus ist. Man sollte nur nüchtern, diszipliniert und willensstark bleiben, dann würde es schon gehen. Einer wie Charles Kennedy scheint diese Stärke nicht zu besitzen. Denn, so wird in dem Artikel argumentiert, wer behaupte, er sei das Opfer äußerer Umstände und nicht so sehr der eigenen Lust am Saufen und der eigenen Schwäche erlegen, der drücke sich nur vor dem persönlichen Schuldanerkenntnis. Genau das ist aber kein Wunder.

Alkoholismus ist eben kein Ausdruck von Labilität und Willenschwäche. Jeder der trinkt, kann zum Alkoholiker werden, ob arm oder reich, ob dumm oder gebildet, ob diszipliniert oder chaotisch.

Die Schwelle vom exzessiven Viel-Trinken zum unkontrollierten Zwangstrinken und damit zur Alkoholerkrankung vollzieht sich schleichend und ist auch für den Betroffenen kaum erkennbar und für Außenstehende noch weniger. Die sehen nur das unumkehrbare Ergebnis und dann ist es manchmal zu spät. Alkoholismus ist eine tödliche Erkrankung, die unbehandelt zum vorzeitigen Tod führt, mal schneller, mal langsamer aber immer mit derselben gnadenlosen Konsequenz.

Je früher wir also handeln, um so eher besteht die Chance diese tödliche Entwicklung zu stoppen. Wohin das Zögern führen kann, ob bewusst betrieben oder unbewusst gelenkt, zeigen die zahllosen Beispiele in unserer Umgebung oder wie hier, der Fall des Charles Kennedy. Früher und konsequenter auf seinen Alkoholkonsum angesprochen, wäre es vermutlich nicht zu dieser Eskalation gekommen.

Wie das funktioniert und wie man das macht dafür gibt es ausgezeichnete Instrumente in Form von Dienstvereinbarungen, Interventionsketten und Stufenplänen, außerdem in den meisten großen Betrieben qualifizierte Fachkräfte, die man ansprechen kann und die einem Sicherheit in der Einschätzung und Klarheit im Handeln vermitteln können.

Eines muss man allerdings tun: die eventuelle Zurückhaltung überwinden und aktiv werden.

Darum ist nicht der Alkohol allein der Jobkiller, die Tatenlosigkeit der Umwelt trägt mindestens ebenso viel dazu bei, dass ein Betroffener seine Job verliert.

Rainer Müller-Broders; 15. Januar 2006