Veröffentlichungen von INGUS



Bericht über die Konferenz

„Von Trunkenbolden und anderen Männern im Rausch – Sucht und Männlichkeiten in Theorie und Praxis“

20. und 21. September, Oldenburg (Universität Oldenburg)


Wer heutzutage in der öffentlichen Verwaltung oder privaten Unternehmen Gender-Themen diskutieren möchte, stößt trotz oder vielleicht auch gerade wegen gesetzlicher Vorschriften, nur auf geringe Begeisterung. Gender-Mainstreaming sei doch nur eine verkappte Art der Frauenförderung, ist eine gängige Meinung. Und selbst die Aussage, dass es sich dabei ausdrücklich nicht nur um Berücksichtigung frauenspezifischer Besonderheiten handele, sondern um die Beachtung und Würdigung weiblicher und männlicher geschlechtsspezifischer Eigenheiten im gesellschaftlichen und beruflichen Miteinander, fördert das Interesse daran nicht signifikant.

Auch eine Konferenz wie die in Oldenburg, bei der es um einen ausdrücklichen und fokussierten Diskurs über „Männerthemen“ ging, wird an dieser Situation zunächst nichts ändern. Umso wichtiger erscheint mir daher die Information über diese Veranstaltung und die Darstellung der Argumente, die für eine Beschäftigung mit männerspezifischen Eigenschaften und Verhaltensweisen unter der besonderen Berücksichtigung der Alkohol- und Suchproblematik sprechen.

„Über Geld spricht man nicht, Geld hat man“ (oder auch nicht). Diese Aussage korrespondiert mit der Auffassung von Männern über ihre bevorzugten oder gewünschten Eigenschaften. Körperliche Stärke, Härte gegen sich selbst, analytisches Denken, und Machtausübung sind männliche Attribute und angestrebte Ziele in der Karriere und Lebensführung von Männern. Die Besitzer solcher Eigenschaften versprechen sich davon Stärke und Sicherheit und erhoffen sich Achtung und Respekt nicht nur ihrer Geschlechtsgenossen.

Die Abwesenheit derartiger Vorzüge führt zu vielfältiger Verunsicherung von Männern, wirft Fragen nach ihrer geschlechtsspezifischen Rollenübernahme auf und verringert ihre Attraktivität in Beruf und Beziehungen. Allerdings ist diese ausschließliche Ausrichtung und Orientierung auf ein männertypisches Sozialverhalten mit spezifischen defizitären Verhaltens- und Reaktionsweisen gekoppelt(1).

Diese Männersozialisation ist geprägt von

Symptomatisch für diese Körperferne sind auch die Metaphern, die Männer häufig gebrauchen, um ihren Umgang mit Alkohol zu beschreiben: sich „voll laufen lassen“, „abgefüllt sein“, „voll wie eine Haubitze“ ,,den Kanal voll haben“ oder „einen getankt haben“ (der Mensch/Mann als Gegenstand, Gefäß oder Maschine)

Die Folgen dieser Verhaltensweisen sind eklatant und zeigen sich u.a. darin, daß

So stellt der Alkohol- bzw. Suchtmittelkonsum bei Männern einen Versuch dar, emotionale Verletzung, Schmerz, Enttäuschung, Ängste (insbesondere sexuelle Versagensängste) oder Misserfolg zu vermeiden, zu verdrängen oder zu verleugnen.

Gleichzeitig setzen Männer Alkohol auch als Stimulations- und Kompensationsmittel gegenüber Leistungsanspruch und Kampfbereitschaft ein.

Neuere Forschungen über den Zusammenhang von Traumata und Sucht (2) haben überdies ergeben, dass traumatische Erlebnisse im Kindes- und Jugendalter (sexueller Missbrauch, Gewalt) keineswegs typisch weibliche Erfahrungen sind. Auch bei männlichen Abhängigen lassen sich signifikante Zusammenhänge zwischen traumatisierenden Erlebnissen und süchtigem Verhalten feststellen.

Solche Erlebnisse wirken überdies in doppelter Hinsicht verunsichernd auf den geschlechtsspezifischen Entwicklungsprozess von Jungen. Als zukünftiger Repräsentant der Macht verspürt das männliche kindliche oder jugendliche Opfer von Gewalt intensive Ohnmachtsgefühle. Als Objekt inner- oder außerfamiliärer Gewalt erleben Jungen einen Opferstatus, der sich in Widerspruch zu ihrer zukünftigen Rollenkonformität als Mann befindet. Männer sind Täter, keine Opfer.

Darüber hinaus wirken homosexuelle Übergriffe zusätzlich irritierend auf eine männerspezifische Rollenübernahme. Diese Traumata verursachen eine dauerhafte Erschütterung des Selbst- und Rollenverständnisses und erzeugen ein „vitales Diskrepanzerleben zwischen traumatischem Ereignis und den zur Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien.“ (Dr. Ingo Schäfer)

Die, im weiteren Entwicklungsprozess traumageschädigter Jungen, einsetzenden Verarbeitungsbemühungen beschränken sich keineswegs auf ein bekanntes externalisierendes Verhalten wie (sexuelle) Aggression, Delinquenz und/oder Substanzmittelmissbrauch. Es darf nicht übersehen werden, dass internalisierendes und damit vermeintlich weibliches Ausweichverhalten auch von Jungen häufig praktiziert wird. Selbstschädigendes Verhalten, Depressionen und Suizid muß deshalb auch bei Männern zunehmend diagnostiziert werden.

Was den Umfang traumatischer, d.h. in diesem Zusammenhang konkret der Opfererfahrungen bei Männer im Kindes- und Jugendalter betrifft, so muß von einer größeren Zahl von Betroffenen ausgegangen werden als die Forschungsergebnisse vermuten lassen. Dies hängt mit der „Wahrnehmung und Umgangsweise mit diesen Erlebnissen bei den Betroffenen selbst, aber auch bei den professionellen

Helferinnen und Helfern“ (Schäfer) zusammen. Opferempfindungen werden von Jungen, bzw. Männern als nicht zugehörig zu ihrem Rollenverständnis empfunden, und hier insbes. traumatisch erlebte homosexuelle Übergriffe. Es ist zu vermuten,

dass derartige Erlebnisse häufig ganz verschwiegen oder verleugnet werden. Darüber hinaus besteht eine, sicherlich nicht immer bewusst gewollte Tendenz (sexuelle) Gewalterfahrungen bei Jungen weniger ernst zu nehmen, oder ihnen eine aktive Beteiligung zu unterstellen („Jungen können schon mal einen Knuff vertragen“ oder „von einer Frau verführt zu werden, ist doch nichts unangenehmes“).

In der Folge von Traumatisierungen kann die als weiblich empfundene Opferrolle zu einer Überidentifikation mit einem „stereotypen Männerbild“ führen, das sich dann in massivem Trinken oder exzessivem Drogenkonsum niederschlägt. Dieses reaktive Verhalten soll zu einer Wiederherstellung und Stabilisierung des „verstörten“ Selbstbildes führen, als auch einer Demonstration von vermeintlich typischer Männlichkeit dienen.

Substanzmittelmissbrauch ist nicht immer als ausschließlich „externalisiertes“ Verhalten einzuordnen, nur weil es mit nach außen gerichteter sexualisierter Aggression oder Delinquenz einher kommt. Nach einer Studie von Garnefski & Diekstra ist Suizidalität, als definiertes „internalisierendes“ Verhalten bei Jungen deutlich häufiger anzutreffen als bei Mädchen. Überdies scheint es sinnvoll zwischen Substanzmittelmissbrauch einerseits und Substanz und Konsumgewohnheit, bzw. -art andererseits zu differenzieren. Konsum von Opiaten und ihre Anwendung mittels Injektion kann durchaus als nach innen gerichtete Aggression interpretiert werden, wenngleich Beschaffung und Szeneverhalten als nach außen gerichtete Aggression erscheinen.

Rauschmittelkonsum als einen Kompensationsversuch erlebter oder empfundener Defizite zu definieren ist ein weit verbreiteter und durchaus zutreffender Erklärungsansatz. Dass er auch bei der Bewältigung frühkindlicher Traumaerfahrungen von Konsumenten Gültigkeit haben kann und dass weitere Folgen von Opfererfahrungen wie Rückzugsverhalten oder Störungen in der Gestaltung sozialer Kontakte durch den Konsum von Rauschmitteln positiv beeinflusst werden können, rückt erst langsam in die Betrachtung und Bewertung der Suchtforschung . “Der Substanzkonsum kann so für die Opfer eine zentrale Funktion in der Sicherung elementarer Grundbedürfnisse einnehmen“ (Schäfer) und als „dysfunktionaler Versuch einer pharmakologischen Konflikt- und Lebensbewältigung“ angesehen werden (Krausz et al, 2004)

Die Aufmerksamkeit für die spezifisch männlichen Sozialisationsformen und männertypisches Verhalten bei der Entwicklung von Suchtkarrieren und ihre Berücksichtigung im therapeutischem Kontext bei der Beratung und Behandlung von Abhängigen ist in der Vergangenheit schleppend verlaufen und wird von den professionellen Helfern eher zurückhaltend gehandhabt. Den „Angehörigen des Suchthilfesystems fällt es offenbar schwer, Traumatisierungen bei ihren (Klientinnen) und Klienten (Unterstreichung von mir) anzusprechen und nur ein kleiner Teil bezieht sie systematisch in die Diagnose ein“ (Schäfer). Es kann vermutet werden, dass klassisch-männliche Sozialisation und männertypisches Verhalten auch bei Beratern und Therapeuten ihre Spuren hinterlassen haben


.Die Konfrontation mit den Ausprägungen und Wirkungen männlicher Rollenübernahmen wird so als eine (unangenehme) Berührung mit eigenen männertypischen Denk- und Verhaltensmustern erlebt, die weniger verarbeitet und überwunden als vielmehr ideologisch sanktioniert und verdrängt worden sind. Eine offene und direkte Ansprache dieser Phänomene wird dadurch erschwert. Gleichzeitig herrschen im Hilfesystem und insbesondere in der Öffentlichkeit erhebliche emotionale Vorbehalte gegenüber Tätern, als einer überwiegend von aggressiven Männlichkeitsritualen geprägten Gruppe. Frauen werden demgegenüber als die klassische Opfergruppe wahrgenommen, für die umfassende und spezifische Hilfen entwickelt und angeboten werden. So können bei den männlichen Mitgliedern der Suchthilfe zwei durchaus unterschiedliche Abwehrphänomene gegenüber ihren eigenen hilfebenötigenden Geschlechtsgenossen entstehen, die in ihrer Konsequenz beide dazu führen wesentliche Zusammenhänge in der Entstehung und Entwicklung von männlichen Suchtkarrieren unberücksichtigt zu lassen.


Auf der einen Seite erzeugt die Erkenntnis unfreiwilliger Parallelen zwischen Tätern und den eigenen Denk- und Verhaltensmustern der männlichen Helfer Schuldgefühle und Verdrängungsmechanismen, andererseits bedienen die sog. „untypischen Männer“ (Dieter Krebs hat diese „Sorte Mann“ mit dem Song „Ich bin der Martin“ glänzend auf die Schippe genommen), von denen es gerade auch in der Sozialarbeiterszene nicht wenige gibt, mit ihrer individuell bedingten Parteinahme für Opferphänomene die klassische Abwehrhaltung gegenüber Tätern. Beides sind Reaktionen auf eigene unverarbeitete und geschlechtsspezifisch-rollenangepasste Sozialisation, die in ihrer Folge gerade die Anteile einer Suchtentwicklung ignoriert, die zu ihrer permanenten Aufrechterhaltung beiträgt. „Männer sind (eben) schon als Babys blau!“

„Während für weibliche Suchtpatientinnen mit Traumatisierungen inzwischen bundesweit spezialisierte Therapieeinrichtungen existieren und viele weitere Einrichtungen zumindest einzelne Angebote für betroffene Patientinnen vorhalten, gehören geschlechtsspezifische Angebote für traumatisierte Männer zu den am wenigsten entwickelten Bereichen des Suchthilfesystems. Gruppenangebote für Männer zu den Themen Aggression und Gewalt setzen sich zumeist mit Täter- nicht mit Opfererfahrungen auseinander (z. b. in den Antiaggressionstrainings für gewaltbereite Straftäter; Anm. RMB).“ (Schäfer) Um hier substantielle Veränderungen herbeiführen zu können müssen „Therapeuten beiderlei Geschlechts sich in ausreichendem Maße mit Traumatisierungen und ihren Folgen bei männlichen Suchtpatienten auseinander setzen und nicht zuletzt auch mit den eigenen Geschlechtsrollen-Klischees und jungenspezifischen Mythen.“ (Schäfer)

Vergleicht man die Häufigkeit von Suchterkrankungen zwischen Männern und Frauen, so wird deutlich, dass „Sucht eigentlich ein Männerthema“ ist (3)

Auch im direkten Umgang mit Suchtmittel und den damit verbundenen Folgen zeigen sich deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede:.

Fazit

Dieser Kontext von männlicher Sozialisation und männertypischem Verhalten einerseits und dem Konsum von Suchtmitteln und einer entsprechenden Disposition zur Suchtentwicklung andererseits müssen in der Suchtarbeit endlich Berücksichtigung finden. Je weniger diese Aspekte in die Arbeit mit abhängigen Klienten einfließen, umso mehr kann sich männertypisches Sozial- und Suchtverhalten zementieren. Therapeutische Bemühungen reproduzieren so ungewollt und quasi hinter dem Rücken der Beteiligten die Verhaltensmuster, die mitverantwortlich für Entstehung und Manifestation von Substanzmittelmissbrauch sind. Abstinenzbestrebungen tragen dadurch den Keim des Scheiterns in sich.

Rainer Müller-Broders

(Dieser Text ist Ergebnis der Teilnahme an der Oldenburger Tagung, sowie eines anschließenden Gespräches mit einem der Referenten, Herrn Dr. Ingo Schäfer)

Anmerkungen:

(1) Vortrag Dr. Arnulf Vosshagen, Fachklinik Kamillushaus, Essen

(2) Vortrag Dr. Ingo Schäfer, Zentrum f. interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS), Uni Hamburg

(3) Vortrag Dr. Heino Stöver, Uni Bremen