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Tortur statt Torte oder "Von der Sucht siegen zu müssen"

Lance Armstrong hat zum 6. Mal die Tour de France gewonnen und sich damit „unsterblich“ gemacht. Jedenfalls meinten das einige Moderatoren von ARD und ZDF.

Und wer möchte nicht unsterblich sein? Oder doch wenigstens einmal der Siegertyp, der an der Spitze seiner Konkurrenten steht und so viel Beachtung findet, daß schon der Zweite nur noch zu einer Dekorationsfigur verkümmert.

Wie hat Armstrong das gemacht? Können, ja sollten Jan Ullrich, vielleicht wir alle von ihm lernen? Was können wir von ihm lernen? Hat er vielleicht ein noch unbekanntes Mittel eingenommen, eine Dopingsubstanz, die noch keiner kennt und die Kräfte frei setzt, die alle Konkurrenten zu Statisten macht. Vielleicht, Verdächtigungen gibt es genug. Beweise aber nicht.

Allerdings ist der professionelle Radsport - wie jede andere Beruf übrigens auch - ein Ort an dem die Benutzung leistungssteigernder Mittel selbstverständlich ist. Sogar die Einnahme von Methadon (einem Opiatersatzstoff, der zur Substitution von Heroinabhängigen eingesetzt wird) ist einem Rennfahrer bei der Tour nachgewiesen geworden.

Der intensive Kampf gegen das Doping und einige spektakuläre Enthüllungen von bekannten Sportlern, die ihre Welterfolge offensichtlich unter dem Einfluß von unerlaubten Mitteln erzielt haben (z. B. Carl Lewis und gerade aktuell Marion Jones) haben diese Praxis nicht verhindern, sondern nur verfeinern können.

Diese selbstverständliche Anwendung von Doping im (Rad)Sport, repräsentiert nur den allgemeinen und gesellschaftlich üblichen Umgang mit leistungssteigernden Mitteln.

Schließlich sind auch Alkohol, Cannabis und Kokain Substanzen, die, zwar mit z.T. entgegengesetzten Wirkungsweisen, letztendlich aber dem Konsumenten helfen sollen, besser mit den Anforderungen von Beruf und Leben klar zu kommen.

Dieser Zusammenhanf (ein freud`scher Verschreiber, soll natürlich heißen Zusammenhang) ist so offensichtlich wie selbstverständlich. Jeder Berufstätige kennt und benutzt die zahllosen Substanzen der Pharmaindustrie um sich fit zu halten für den Arbeitsalltag. Sei es um Krankheitserscheinungen zu dämpfen, die Leistungsfähigkeit zu steigern oder seine Leistungsbereitschaft zu erhalten.

Steigende berufliche Anforderungen, erhöhter Leistungs- und Konkurrenzdruck und eine zunehmende Lebensverunsicherung erschöpfen die Widerstandskräfte des Einzelnen und seine psychischen und physischen Ressourcen mit diesen Bedingungen fertig zu werden.

Günter Amendt schreibt in seinem sehr lesenswerten, neuen Buch „No drugs, no future“ zu dieser Entwicklung: „Dieser kollektive Zustand einer permanenten Überforderung und chronischen Überreizung, für den die körpereigene Chemie nicht mehr ausreicht, um den Organismus des Menschen physisch wie psychisch an die Geschwindigkeit der Maschinen und Prozessoren anzupassen, hat das Verlangen nach Hilfsmitteln zur pharmakologischen Wiederherstellung einer ausgeglichenen `harmonischen Persönlichkeit` sukzessive wachsen lassen.“

Grundsätzlich ist gegen eine zeitweilige und dosierte, d.h. kontrollierte Verwendung legaler Substanzen nichts einzuwenden. Je schwieriger allerdings die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten, und in spezifische Weise auch der Nichtbeschäftigten, werden und je selbstverständlicher und leichter der Zugriff zu diesen Mitteln wird, umso riskanter erscheinen seine Folgen.

Die angenehme Erfahrung, daß sich mit dem Konsum einiger Gläser Bier oder Wein die endlich benötigte Entspannung einstellt, die Sorgen verschwinden und die Ängste kleiner werden, wirkt in einer Welt permanenten Stresses, allgegenwärtigen Leistungsdrucks und einer zunehmenden Arbeitsplatzunsicherheit wie ein idealer Ausweg für alle Schwierigkeiten.

Das parallele Angebot der illegalen „Bewältigungsmittel“ verstärkt diese Tendenz noch. Ecstasy und Kokain, versprechen nicht nur die Leistungsfähigkeit in traumhafte Regionen zu transformieren, sondern auch noch geistige Beweglichkeit und sinnliche Erlebnisfähigkeit zu steigern. Und wem das beschleunigte Dasein den Atem raubt, der findet mit Cannabis einen angenehmen Verlangsamer und eine zuverlässige Mund-zu-Mund-Beatmung.

Der „Vorbildcharakter des Radsportes“, als einer traditionell mit Aufputsch- bzw. leistungssteigernden Mitteln hantierenden Berufssparte, hat jedenfalls trotz oder gerade wegen öffentlichkeitswirksamer Antidopingkampagnen nichts von seiner Bedeutung verloren.

Doch nicht dieser Zusammenhang zwischen Tour de France und allgemeinen Bewältigungsstrategien ist Anlaß meiner Gedanken, sondern der Siegertyp Armstrong und sein Gegenspieler Jan Ullrich. Armstrong hat mit seinem mehrmaligen Tour-Erfolg alle seine Vorgänger, denen dergleichen nur fünfmal gelungen war, in den Schatten gestellt.

Sogar den legendären Eddy Merckx, dessen Siegeshunger in seiner aktiven Rennfahrerlaufbahn legendär war. Hunderte von Siegen hatte er heraus gefahren und seine Mitstreiter regelmäßig auf die Plätze verwiesen. Und das in einer Sportart, in der der zweite Sieger schon als erster Verlierer gilt. Den Kannibalen nannte man ihn, der von seiner Mannschaft absolute Unterordnung forderte und in der Radsportszene der unumschränkte Herrscher war.

Diesen Mann hat Armstrong nun übertrumpft und sich in Anlehnung an den mit Brachialgewalt agierenden Filmhelden Schwarzenegger zum „Dominator der Tour“ aufgeschwungen. Dabei geht es weniger um die Frage, ob er der beste oder stärkste Fahrer der Tour der letzten sechs Jahre war. Armstrong hat sich jedesmal mit einer perfekten Planung und einem harten Training auf das größte Etappenrennen und drittgrößte Sportereignis der Welt nach der Olympiade und der Fußball-WM vorbereitet und gewonnen. Das spricht für sich.

Wichtiger erscheint mir aber die Frage, ob diese Art des Wettkampfes und seine Lebensstrategie Vorbild sein kann und soll. Kann man nur so siegen und wenn ja, muß man dafür solche Verhaltensweisen praktizieren wie Armstrong?

Von Jan Ullrich scheint man das jedenfalls zu erwarten. Er sei wohl zu faul und nicht rücksichtslos genug. Seit Jahren hört er den Vorwurf einer ungenügenden sportlichen Vorbereitung und eines falschen Lebenswandels. Anstatt sich bereits im Winter mit hartem Training auf die kommenden Rennen zu präparieren, saß Ullrich lieber im Sessel und aß Kuchen. Und wenn Armstrong und Co im Frühjahr bereits die ersten Wettkämpfe bestritten, stritt Ullrich sich mit seinen überflüssigen Pfunden.

Der Gipfel dieser „Disziplinlosigkeit“ schien im Jahre 2002 erreicht, als Ullrich angetrunken und am Steuer eines Porsche ausgerechnet einige abgestellte Fahrräder plattwalzte und schließlich auch noch des Konsums illegaler Mittel aus der Techno-Szene überführt wurde. Während sich der eine akribisch und konsequent auf die Tour vorbereitete, frönte der andere dem süßen Leben. So kann man eben (die Tour) nicht gewinnen, tönten landauf landab die selbsternannten und professionellen Fachleute. Und ausgerechnet sein eigener Teamchef, Walter Godefroot warf ihm eine mangelnde Berufsauffassung vor. Tortur statt Torte oder womöglich Epo statt XTC lauten so die Alternativen?

Ich mag das, ehrlich gesagt, nicht beurteilen. Wer weiß wirklich, ob Armstrong unerlaubte Mittel benutzt und Ullrich lieber Kuchen verspeist, statt auch im Dauerregen hunderte von Kilometern abzustrampeln. Sicher scheint nur, daß Armstrong jedes Mittel recht ist, die Tour zu gewinnen, zu gewinnen, zu gewinnen...

Gewinnen will Ullrich auch; nur ist er offenbar nicht bereit, dafür jeden Preis zu bezahlen.

Sicher ist unbestritten, daß wer siegen will, kämpfen muß. Eine gute Vorbereitung auf das Ziel, ein systematisches Training und eine Schulung mentaler Stärke sind dafür unverzichtbar. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber auch Jan Ullrich hat - mal mehr, mal weniger und mit unterschiedlichem Erfolg - nach diesem Prinzip gearbeitet. Damit hat er bereits einmal die Tour gewonnen, ist fünfmal Zweiter und in diesem Jahr immerhin noch Vierter geworden. Ergebnisse, die kaum ein anderer Radsportler, geschweige denn ein deutscher, vorweisen kann.

Auch mangelnden Kampfgeist kann man ihm nicht vorhalten. Wer bei dieser Tour trotz mehrfachen Rückstandes auf den „Dominator“ weiter kämpft und im Gegensatz zu einigen Mitfavoriten, wie Hamilton, Mayo und Heras, nicht aufgibt, der beweist ein Höchstmaß mentaler Stärke und verdient jedenfalls m.M.n. allergrößten Respekt.

Offenbar liegt der entscheidende Unterschied zwischen dem Triumphator Armstrong und dem Kämpfer Ullrich woanders. Ein Siegertyp muß man sein, einer der seine Gegner zu Dekorationsfiguren degradiert und als klägliche Verlierer bloßstellt. Aber spätestens an dieser Stelle geraten die Maßstäbe durcheinander.

Ist einer der Zweiter oder Vierter wird ein Verlierer? Was ist das für eine Bewertung, die - wie bei Ullrich - einen Fahrer, der mit seiner Leistung weit über dem Durchschnitt liegt, als Versager abstempelt? Vor zwanzig Jahren hat ein Rennfahrer wie Raymond Poulidor, der an keinen Tag das Gelbe-Trikot der Tour getragen hat und „nur“ fünfmal Zweiter geworden ist, genau so viel Respekt und Popularität geerntet wie der Sieger.

Als Jan Ullrich 2001 nach dem Sturz von Armstrong, nicht die Gelegenheit zum Angriff genutzt hat, sondern erkennbar für jeden langsamer gefahren ist und auf Armstrong gewartet hat, hat dieser später öffentlich diesen fairen Akt von Ullrich geleugnet. Ein Jahr später ist Armstrong, in einer vergleichbaren Situation nach dem schweren Sturz seines härtesten Konkurrenten, Joseba Beloki, einfach weiter gefahren.

Bei der diesjährigen Tour hat Armstrong zwei Etappensiege erzielt, die er nur unter dem Einsatz seiner letzten Kräfte erringen konnte und die für seinen Toursieg ohne Belang waren. Daß er damit seine Konkurrenten quasi gedemütigt hat, gehörte offenbar zu seinem Konzept. Andere Spitzenfahrer haben in der Tour ihren Gegnern in der Weise Respekt gezollt, daß sie nicht um jeden Preis gewinnen mußten.

Der italienische Rennfahrer, Simeoni, der Armstrong mit Doping in Verbindung gebracht hat, wurde von diesem genötigt, sich aus einer Ausreissergruppe ins Hauptfeld zurück fallen zu lassen, weil diese mit ihm sonst keine Chance auf einen Vorsprung haben würde. Und bei seinen Versuchen auf der letzten Etappe einen kleinen Vorsprung herauszufahren, ließ ihm Armstrong`s Mannschaft nicht den Hauch einer Chance.

Das sind nicht die einzigen Beispiele, die den Siegertypus eines Mannes beleuchten, der einige seiner früheren Mannschaftskollegen (Hamilton und Heras) offenbar so verschlissen hat, daß sie - als Kapitäne in einer neuen Mannschaft fahrend - nichts mehr zustande bringen.

Und so einer also soll Ullrich werden; denn von Armstrong lernen, heißt siegen lernen.

Brennender Ehrgeiz, absoluter Siegertyp, Dominator, Kannibale usw. sind die Attribute, die ihm die Berichterstattung zugeordnet hat. Ich kann daran allerdings nichts Positives entdecken. Einem Menschen solchen Kalibers zu begegnen, sorgt doch wohl eher für Angstgefühle, denn für Sympathie. Mit Menschlichkeit und Kollegialität haben diese Begriffe jedenfalls wenig zu tun.

Aber nicht nur bei einem wie ihm, scheinen gnadenlose Charakterzüge bewundert zu werden. Was zählt, ist ausschließlich der Erfolg, egal um welchen Preis. Und wer Erfolg hat, darf sich alles leisten. So ein Kamikaze-Fahrer wie Robby McEwan z. B. droht dem schwer gestürzten Renè Haselbacher Prügel an, weil dieser ihm mit seinem Sturz die Chance zum Sieg vermasselt hätte.

Nach Meinung der Fachleute habe McEwan es hier wohl „ein bißchen übertrieben“ (O-Ton Marcel Wüst), mehr aber auch nicht. Das Haselbacher wegen eines Lenkerbruchs gestürzt war und sich dabei drei Rippen und das Nasenbein gebrochen hatte, kümmerte den Raufbold im Rennsattel wenig. Mir ist jedenfalls einer wie Haselbacher erheblich sympathischer; wer seinen Auftritt im ZDF-Sportstudio miterlebt hat, wird das vielleicht bestätigen können. Wer sich das Grüne-Trikot u. a. dadurch verschafft, dass er andere durch seine brutalen Sprintmethoden den Schneid abkauft, setzt trotz sportlicher Leistung den Anspruch auf Respekt vor seiner Person auf`s Spiel.

Offensichtlich haben sich die Umgangsformen im Radsport, wie im Leben grundlegend verändert. Siegen um jeden Preis, koste es, was es wolle. Der Zweck heiligt die Mittel und Rücksichtslosigkeit wird plötzlich zu einer Tugend. Denn nur auf den Sieg kommt es an.

Die Absurdität dieser Beurteilung liegt in der Tatsache, daß nur einer Sieger sein kann.

Wer den Rest zu Verlierern stempelt, macht die Mehrheit zu Versagern, sich selbst inbegriffen. Wie dünn der Boden dieser Mentalität ist, zeigt sich an dem abrupten Wechsel der Medien und der Fans zwischen Verehrung für den Sieger und Verachtung gegenüber dem Verlierer. Und dies gilt selbstverständlich ein und derselben Person. Ein Sieger muß Sieger bleiben, als Verlierer wird ihm die gleiche Gnadenlosigkeit zu teil, die er seinen Konkurrenten angedeihen ließ. Das ist die Rache derer, die sich dem Sieger unterwerfen und spüren, dass sie selbst zu den Verlierern gehören.

Ausgerechnet in einer Gesellschaft, die Leistung zu ihrem Ideal erhebt, wird die Leistung aller - bis auf die des Siegers - mißachtet. Der Radsport wird damit zum Spiegel einer Gesellschaft in der die Siegermentallität einzelner, alle Teilnehmer zu Konkurrenten zu erklären und mit rücksichtslosesten Mitteln ihren Einzelerfolg gegen die Mehrheit anzustreben, zum bewunderten Ziel proklamiert wird. Ein Jan Ullrich ist mir da allemal lieber.


Rainer Müller-Broders, 29.7.04


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