Veröffentlichungen von INGUS



 

Giftunfall im Hafen - Kapitän betrunken

Untätigkeit und Ignoranz für Schiffsunglück verantwortlich?

Mike K., Schiffsführer eines mit hochgiftigen Chemikalien beladenen Tankers, steht mit 2,1 Promille am Ruder und verursacht einen schweren Unfall. Tausende Tonnen von Schwefelsäure ergießen sich in den Hafen und verursachen erhebliche Umweltbelastungen.

„Wie kann es sein, daß ein offenbar betrunkener Kapitän sein Schiff durch den Hafen steuert?“, fragt das Hamburger Abendblatt (HA). Nun, das ist leichter erklärbar als vielleicht vermutet. Es hat einfach niemand für notwendig erachtet einzugreifen. Da hilft auch nicht, daß, laut HA, der Schiffseignerin, der Norddeutschen Affinerie, bekannt war, daß der Kapitän bereits vor kurzen schon einmal alkoholisiert am Ruder aufgefallen war. Das Wissen um eine mögliche Alkoholproblematik, bedeutet nämlich nicht, daß man auch weiß, was nun zu tun ist.

Zunächst einmal muß man die Situation richtig einschätzen können, um mögliche Konsequenzen zu ziehen. Was aber bedeuten 2,1 Promille am „Steuer“? Jeder normale Sterbliche, der sich mit „vier Litern Bier oder einer halben Flasche Doppelkorn“ besäuft (Zitat HA) - soviel muß ein 85kg schwerer Mann etwa trinken, um auf die erwähnte Promillezahl zu kommen - liegt danach mit einer Alkoholvergiftung unter dem Tisch.

Wer aber mit 2,1 Promille seiner Arbeit nachgehen kann, wer nur ein halbes Jahr zuvor schon einmal wegen Alkoholmißbrauch aufgefallen ist, der hat längst die Kontrolle über sein Trinkverhalten verloren. Der muß trinken, weil ihm keine andere Wahl bleibt. Aus meiner Erfahrung als betrieblicher Suchtberater stellt alkoholisiertes Arbeiten eine der schwersten Formen des Alkoholmißbrauchs dar und ist häufig das Zeichen für süchtiges Trinken.

Kein Trinker wird freiwillig auffällig; ein großer Teil seiner Energie fließt in die immer häufiger scheiternden Versuche, wenigstens nicht am Arbeitsplatz alkoholisiert zu erscheinen und schon gar nicht dort zu trinken. Aber längst hat sich in solchen Fällen der Zwang zu trinken verselbständigt. Die Kontrolle versagt, der Alkohol wird zur Hauptsache im Leben eines Betroffenen; alles was vorher wichtig und bedeutsam erschien wird zur Nebensache. Privatleben und Beruf können scheinbar nur noch mit Alkohol bewältigt und ertragen werden. Die Sorge um Beziehung und Arbeitsplatz und selbst um die eigene Gesundheit ist nicht mehr stark genug, um Hilfe zu suchen und das Trinkverhalten zu verändern.

Längst ist der Zeitpunkt überschritten, wo sich das Trinken heimlich, privat oder im Kreise Gleichgesinnter vollzieht. Partner, Freunde, Kollegen und Vorgesetzte merken, daß etwas nicht stimmt. Die alkoholische Fahne während der Arbeit ist ein untrügliches Zeichen dafür. Zahlreiche Veränderungen in der Persönlichkeit und im Arbeitsverhalten eines Betroffenen stellen sich ein. Das bleibt weder der persönlichen noch der beruflichen Umwelt verborgen.

Jetzt wäre rasches und konsequentes Eingreifen gefordert. Doch genau das bleibt in der Regel aus. „Was geht das mich an, soll sich doch ein anderer die Finger verbrennen“, „da kann man sowieso nichts machen“, „das ist doch halb so schlimm, wir trinken doch alle mal einen über den Durst“, „solange er noch halbwegs seine Arbeit macht....“ usw. usf. So lauten häufig die Erklärungen und Begründungen warum man nichts tut, obwohl man sieht, daß etwas getan werden müsste.

Diese Untätigkeit, wie sie offenbar auch gegenüber dem Kapitän Mike K.. geübt wurde, und das obwohl er eine hochverantwortungsvolle Arbeit zu verrichten hatte, ist typisch für den Umgang unserer Gesellschaft mit Alkoholmißbrauch und findet sich leider auch in den Betrieben wieder.

Es ist noch keine 2 Jahre her, als eine betrunkene Hubschrauberbesatzung einen tödlichen Absturz verursacht hat bei dem vier Menschen ums Leben kamen. Auch in diesem Fall kann der Alkoholmißbrauch der Piloten keine Ausnahme gewesen sein. Wenn jemand mit 1,6 bzw. 1,5 Promille ein kompliziertes Fluggerät wie einen Hubschrauber steuern kann, deutet das auf einen regelmäßigen und starken Alkoholkonsum hin. So ein massiver Konsum kann nicht verborgen geblieben, er muß aufgefallen sein. Die Bundeswehr als Arbeitgeber der beiden Piloten hatte eine Untersuchung des Vorfalls angekündigt; über die Ergebnisse wurde allerdings Stillschweigen bewahrt.

Damals wie heute handelte es sich bei den Betroffenen offensichtlich um Gewohnheitstrinker, ich persönlich würde allerdings von Alkoholkranken sprechen, die dringender fachlicher Hilfe bedürfen. Bevor diese allerdings wirksam werden kann, ist eindeutiges und konsequentes Handeln durch den Betrieb und die verantwortlichen Vorgesetzten erforderlich.

Damals wie heute ist jedoch nichts geschehen. Damals wie heute endete eine offenkundige Untätigkeit in einer Katastrophe. Obwohl laut HA der Affi-Vorstandschef, Werner Marnette, einräumte, er habe erfahren, „daß der Schiffsführer wohl gelegentlich bereits früher leichte Alkoholprobleme hatte“. Was sind „leichte Alkoholprobleme“? Soll das heißen, daß man damit noch einen Gifttanker in einem dicht befahrenen Hafen führen kann? Warum hat man nicht Erfahrung und Rat von Fachleuten eingeholt; gibt es bei der Affi keine Betriebliche Suchtprävention?

Wurde ein Verfahren gegen Mike K. eingeleitet und wenn ja, was kam dabei heraus? Wieso konnte der Kapitän seinen Job bei einer „neuen Firma“ weiter machen, wenn er vorher wegen Alkoholmißbrauchs am Arbeitsplatz auffällig geworden war?

All das sind Fragen, die einer dringenden Klärung bedürfen. Und daß das HA Zweifel an der Bemerkung äußert, es handele sich hier um „Einzelfälle“, halte ich nach meiner Erfahrung für absolut berechtigt. Gerade beim Thema Alkoholmißbrauch am Arbeitsplatz versuchen sich viele Verantwortliche mit dem Motto „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ und hinzuzufügen wäre noch „nichts riechen“ aus der Angelegenheit heraus zu halten.

Dabei ist gerade für den betrieblichen Bereich ein geeignetes und wirkungsvolles Instrumentarium (betriebliche Suchtberater, Stufenplan bzw. Interventionskette) vorhanden, um betroffenen Beschäftigten Hilfe zu geben und sie zu veranlassen auch diese Hilfe anzunehmen. Dazu müssen aber Unsicherheit überwunden und Untätigkeit aufgegeben werden und statt dessen Verantwortungsbewußtsein und konsequentes und kompetentes Handeln bei den Verantwortlichen einkehren. Dann können diese Mittel auch erfolgreich eingesetzt und derartige dramatische Folgen mit großer Wahrscheinlichkeit verhindert werden.

09.07.04 - ingus

Rainer Müller-Broders - BWG