Veröffentlichungen von INGUS



Busfahrerin steuert volltrunken Linienbus der PVG -

"Busnutzer können sich absolut sicher fühlen" (*)

So die erste Reaktion des Betriebsleiters der Pinneberger Verkehrsgesellschaft (PVG), Holger Kowitz, nachdem die Polizei seine Fahrerin mit fast 2,5 Promille hinterm Lenkrad erwischt hatte.

Wie mag Herr Kowitz das bloß gemeint haben, fragt sich da der verunsicherte Fahrgast, wenn seine Angestellte seit ihrem Dienstantritt von 4.34 Uhr bis 7.17 Uhr schwer alkoholisiert einen Bus zwischen Krupunder und Lattenkamp gesteuert hat.

Können sich die Fahrgäste deswegen sicher fühlen, weil „die Frau zwar nach Alkohol roch, aber einen nüchternen Eindruck machte“, so ein Polizeisprecher. Nein, das meinte Herr Kowitz vermutlich nicht, vielmehr wollte er ausdrücken, dass „jeder unserer 400 Fahrer vor seinem Dienstantritt von uns überprüft wird“.

Wie darf man sich so eine Prüfung vorstellen? Ein Mitarbeiter des Unternehmens übergibt Papiere und Fahrzeugschlüssel und spricht mit den Chauffeuren, so Krowitz. Aha! Vielleicht fragt er dann ja, Na Kollege, heute morgen noch nüchtern? und der Kollege antwortet pflichtgemäß, Klar, ich weiß doch, nur mit null Promille darf ich fahren und ab geht die Post.

Bekanntermaßen ist das Kennzeichen eines Spiegeltrinkers (um einen solchen handelt es sich vermutlich in diesem Falle), dass seine Alkoholabhängigkeit für Außenstehende unauffällig verläuft. Spiegeltrinker, sind Alkoholiker, die regelmäßig ein bestimmtes Quantum Alkohol benötigen. Diese Menschen lallen nicht, sie gehen auch nicht in Schlangenlinien und verrichten scheinbar unbeeinträchtigt ihre Arbeit. Sie machen eben einen „nüchternen Eindruck“, obwohl sie in Wirklichkeit sturzbetrunken sind.

Einen vergleichbaren Fall hat es in Hamburg vor ca. zwei Jahren gegeben, als die Besatzung eines Rettungshubschraubers, mit 1,5 Promille Alkohol im Blut, einen tödlichen Absturz verursachte. Auch der Tankerunfall Anfang Juli im Hamburger Hafen ist vermutlich auf den Dauerkonsum eines regelmäßig trinkenden Kapitäns zurück zu führen. Diese Form des Alkoholismus ist häufig nur sehr schwer zu erkennen, da die Konsumenten sich über einen langen Zeitraum an einen bestimmten Alkoholspiegel gewöhnt haben.

Erst wenn sie ihren Spiegel erreicht haben, funktionieren sie scheinbar einwandfrei; die einzige Auffälligkeit besteht in ihrer alkoholischen Ausdünstung, die darum mit allerlei Tricks versucht wird zu überdecken. So auch bei der Busfahrerin, in deren Tasche eine Tüte mit Bonbons gefunden wurde, mit denen offenbar der Alkoholgeruch kaschiert werden sollte.

Spiegeltrinker sind Zwangstrinker, die trinken müssen, obwohl sie wissen, dass sie ihre Arbeit nüchtern verrichten müssen. Wer bei der Arbeit trinkt, zeigt damit ein hohes Maß an Abhängigkeit, dass für jahrelanges, schweres Trinken spricht. Jeder Trinker versucht zunächst seinen Alkoholkonsum auf seine Freizeit zu beschränken, kommt allenfalls mit Restalkohol zur Arbeit - was nicht weniger gefährlich ist. Erst wenn sich der Körper an eine regelmäßige Alkoholzufuhr gewöhnt hat, muss auch während der Arbeitszeit getrunken werden. Eine solche Entwicklung vollzieht sich meist über Jahre.

Wenn die Busfahrerin während ihres Dienstes „eine Buddel Korn zu zwei Dritteln geleert“ hat, offenbart sie damit, dass sie keinerlei Kontrolle mehr über ihren Alkoholkonsum hat. Und dies nicht erst seit gestern, sondern schon seit einem langen Zeitraum.

Allein diese Tatsachen, weisen darauf hin, dass die Fahrerin alkoholkrank ist. Wenn der Betriebsleiter der PVG behauptet, „die Kollegin sei nüchtern gewesen, als zum Dienst kam“, so kann dies durchaus bezweifelt werden. Es ist allerdings möglich, dass man ihren Alkoholkonsum nicht bemerkt hat; dies sollte man dann aber auch so benennen.

Warum die Frau auch „während des Dienstes getrunken haben muß“ - da steht der Betriebsleiter vor einem Rätsel. „Gott weiß, was in ihr vorgegangen ist!“, glaubt Herr Kowitz. Ein Rätsel ist das Ganze mitnichten, und auch Gott hilft bei Aufklärung dieses Falles nicht weiter. Jeder, der sich ein wenig mit der Suchtproblematik auskennt, wird meine Vermutungen zu den Umständen dieser Alkoholfahrt bestätigen können.

Kommen wir also zu den Konsequenzen, die die PVG ankündigt: die Fahrerin soll nun von der Betriebspsychologin begutachtet werden. „Wir werden den Wert der Blutprobe abwarten. Ich denke, dass er niedriger ausfällt.“ Was soll das nun wieder bedeuten? Wäre ein niedriger Wert unproblematischer? Zuvor hatte sich Herr Kowitz doch eindeutiger geäußert: „Ergibt (ein Alko-Test) null Promille, darf der Kollege fahren, sonst nicht.“

Immerhin möchte er untersuchen lassen, „ob die Frau Alkoholikerin ist“. Dieses Vorgehen entbehrt nicht, nachdem was vorgefallen ist, eines gewissen Maßes an Naivität. Jeder Normalkonsument würde bei einer Alkoholkonzentration von 2,5 Promille Schlangenlinien fahren, seiner Sprache nicht mehr mächtig sein oder volltrunken unter dem Tisch liegen. Wer unter diesen Voraussetzungen noch einen Bus in einer Großstadt wie Hamburger steuern kann, bei dem handelt es sich zumindest um einen Gewohnheitstrinker, der sich so an den Alkohol gewöhnt hat, dass er auch komplexe Vorgänge wie Autofahren im Stadtverkehr noch bedingt beherrscht.

Die Frage also, ob die betroffene Frau Alkoholikerin ist oder nicht, scheint m.E. nur eine rhetorische zu sein. Viel wichtiger wäre es zu klären, was nun zu tun ist. Die PVG will das Arbeitsverhältnis mit der Betroffenen nur aufrechterhalten, wenn „der Mediziner eine Chance (sieht), dass sie nach einer Entziehungskur wieder fahren kann. - Im anderen Fall werden wir uns unverzüglich von ihr trennen“.

Offenbar geht Herr Kowitz nun doch davon aus, dass es sich bei seiner Mitarbeiterin um eine Alkoholikerin handelt, sonst wäre keine Entziehungskur erforderlich. Abgesehen von diesem Widerspruch aber stellt Alkoholismus eine vom Arbeitsgericht anerkannte Erkrankung dar, wegen derer niemand entlassen werden darf. Eine „unverzügliche Trennung“ , wäre demnach nicht nur rechtswidrig, sondern auch in sich widersprüchlich. Wenn sich nach einer Entziehungskur ergibt, dass die Kollegin nicht wieder fahren darf, was korrekterweise erst nach einer medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU - im Volksmund „Idiotentest“) festgestellt werden kann, dann handelt es sich nicht mehr um eine „unverzügliche Trennung“.

Hier geht doch einiges durcheinander, was vermutlich daran liegt, dass es in der PVG offenbar kein eindeutiges und abgestimmtes Vorgehen beim Vorhandensein einer Alkoholproblematik gibt. Dabei existiert seit Jahren in zahlreichen Betrieben, so z.b. bei der öffentlichen Verwaltung der Freien und Hansestadt Hamburg für die ich als Suchtbeauftragter tätig bin, ein systematisches Instrumentarium, dass den Verantwortlichen eines Unternehmens hilft, mit Suchtproblemen umzugehen.

So eine Vereinbarung mit einem Stufenplan, auch Interventionskette genannt, bietet ein gestuftes Vorgehen an, das aus einem ausgewogenen Verhältnis von disziplinarischem Druck und fachkundiger Hilfe besteht. Beschäftigte, die z.b. ein Alkoholproblem haben, werden mittels suchtspezifischen Beratungs- und Behandlungsangeboten unterstützt fachkundige Unterstützung anzunehmen, um ihre Abhängigkeit zu überwinden. Erst wenn diese Hilfe fehlschlägt oder von den Suchtkranken abgelehnt wird, kommen dienst- bzw. arbeitsrechtliche Konsequenzen zum Tragen und die Betroffenen können entlassen werden. Dieses Vorgehen hat sich immer wieder als sinnvoll und erfolgreich im Interesse des Betriebes und des Betroffen heraus gestellt.

Gleichzeitig macht es so eine Vereinbarung möglich, Vorgesetzte und Beschäftigte eines Betriebes für das komplexe Phänomen Sucht zu sensibilisieren und sie im Umgang mit betroffenen Kollegen sicherer zu machen.

Herrn Kowitz ist zu wünschen, sich mit diesem Verfahren vertraut zu machen und für seinen Verantwortungsbereich zur Anwendung zu bringen. Damit wäre nicht nur der betroffenen Kollegin, sondern auch den Kunden der PVG gedient. Schließlich musste Herr Kowitz trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einräumen, dass es „eine hundertprozentige Sicherheit nicht gibt“. Umso wichtiger wäre die Nutzung eines professionellen Instrumentariums. Für entsprechende Hinweise und Tipps bin ich - natürlich außerhalb meiner Dienstzeit - gerne bereit.



Rainer Müller-Broders