Veröffentlichungen von INGUS



 

1 : 4 oder Über den Unterschied zwischen betrunkenen Piloten und Amokläufern

 

 

Erinnern Sie sich noch daran, dass vor 4 Wochen bei einem Hubschrauberabsturz in Hamburg 5 Menschen in den Tod gerissen wurden? Und dass der Pilot  nicht nur bei diesem Absturz betrunken gewesen war, sondern offenbar regelmäßig große Mengen Alkohol zu sich genommen hat. Viel Zeit ließen einem die Ereignisse jedenfalls nicht, über diese Erkenntnisse und die Konsequenzen aus dieser Katastrophe nachzudenken.

Ein ungleich dramatischeres Vorkommnis beherrscht seit dem 26. April die Schlagzeilen der Zeitungen und die Magazine des Fernsehens: 17 Menschen starben beim Amoklauf eines 19 jährigen Schülers in Erfurt.  Ähnlich wie schon bei dem Hubschrauberabsturz herrschte zunächst tiefes Entsetzen. Dann folgten Unverständnis gepaart mit grenzenloser Abscheu über diese schreckliche Tat und schließlich Tränen und kollektive Bestürzung über den tragischen Tod der Betroffenen.

 

 

Der kleine Unterschied - Trauergottesdienst in Hamburg...

 

Die politische Führung bekundete in Hamburg und Erfurt ihr Beileid; in Erfurt forderte sie zusätzlich Konsequenzen. Ein kleiner, aber bedeutsamer Unterschied. Bei der Feier für die Absturzopfer im Hamburger Michel hielt  Bürgermeister Ole von Beust vor einer großen Trauergemeinde eine Rede. Obwohl zu diesem Zeitpunkt schon der Alkoholmissbrauch der Helikopterbesatzung durchgesickert war, zeigten sich die Verantwortlichen davon nur peinlich berührt und Helge Adolphsen, Hamburgs bekannter Hauptpastor setzte den Schwerpunkt so: “Hier herrscht nicht der Geist der Verurteilung oder der Vorwürfe, hier herrscht die Trauer.“

 

 

...und der Ruf nach Konsequenzen in Erfurt

 

 

Ganz anders nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Zur Trauerfeier erschienen Ministerpräsidenten, Bundesminister, der Bundeskanzler, Gerhard Schröder und der Bundespräsident, Johannes Rau. Die öffentlichen Auseinandersetzungen über Ursachen von Gewalt reißen seitdem  nicht ab. Politiker und Medien fragen jeden, der glaubt etwas dazu sagen zu können, wie diese Katastrophe zu verhindern gewesen wäre und fordern unisono Konsequenzen. Die Verbreitung von Gewaltvideos und Gewaltdarstellung in Film und Fernsehen wird angeprangert, die leichte Verfügbarkeit von Waffen aller Art und das liberale Waffengesetz werden hinterfragt. Und sogar die Schulgesetze in Thüringen, die Schulabgänger vor dem Abitur ohne irgend einen Abschluß ins Berufsleben entlassen, geraten auf den Prüfstand.

Erste Konsequenzen liegen vor, bzw. sind geplant. Hamburg und Thüringen geben momentan keine Waffenbesitzkarten aus; das Waffengesetz, gerade erst geringfügig verschärft, soll erneut restriktiver beschlossen werden und Kanzlerkandidat Stoiber schlägt ein "Bündnis gegen Gewalt" vor.

Damit ich nicht missverstanden werde; ich halte alle Überlegungen und Maßnahmen zur Verhinderung solcher Gewalttaten für richtig. Neue Gesetze und schärfere Kontrollen werden dazu allerdings wenig beitragen. Nur durch einen tiefgreifenden Wertewandel und eine Veränderung in Fühlen, Denken und Handeln unserer Gesellschaft , entstehen Respekt und Achtung vor der Integrität und dem Leben anderer Menschen. Erst dann wird sich auch der Umgang mit Gewalt verändern. Und ein Amoklauf wie der in Erfurt ist durch keine Restriktion zu verhindern. Aber dies soll nicht das eigentliche Thema meines Beitrages sein.

 

 

Ein "tragischer Unfall" ist kein Mord

 

Ich möchte noch bei dem Tod der fünf Menschen bleiben, die bei dem Helikopterabsturz ums Leben kamen. Wenigstens einen kleinen Teil von der Aufmerksamkeit, die der Amokläufer für das Gewaltthema  erzeugt hat, hätte ich mir für die alkoholischen Umstände dieses Absturzes gewünscht. Auch hier sind immerhin fünf Menschen auf tragische Weise ums Leben gekommen und es ist nur dem Glück zu verdanken, daß der Hubschrauber kein Wohnhaus getroffen hat und noch mehr Menschen hätten sterben müssen.

 

Auch hier handelte es sich nicht um die sog. "höhere Gewalt", die völlig unberechenbar über die Betroffenen hereingebrochen ist oder um menschliches Versagen, auf das man keinen Einfluß hat. Auch hier hätte die Frage gestellt werden können, wie der Tod dieser Menschen zu verhindern gewesen wäre. Auch hier hätte man sich damit beschäftigen können, wer oder was dazu beigetragen haben, daß es zu einer solchen Katastrophe kommen konnte.

 

 

Der Fall scheint klar...

 

Dabei ist doch der Fall soviel klarer und eindeutiger in seinen Ursachen als der Amoklauf. Spekulationen, für manchen Journalisten das täglich Brot, Fehlanzeige. Der Absturz und damit der Tod aller Insassen ist  durch einen Pilotenfehler, in der Folge eines riskanten Flugmanövers herbeigeführt worden. Und der verantwortliche Pilot stand  mit 1,5 Promille erheblich unter Alkoholeinfluß. Allerdings, dies muß eingeräumt werden, der Führer des Helikopters hat die vier anderen Insassen nicht ermordet, aber ist die Tragik deshalb geringer?

Wie nennt man den Tatbestand, wenn jemand wissentlich andere Menschen in Lebensgefahr bringt und schließlich ihren Tod herbeiführt? Kann man nicht von fahrlässiger Tötung sprechen, wenn sich ein Pilot wenige Stunden vor Dienstantritt so betrinkt, dass normale Konsumenten eine Alkoholvergiftung erlitten hätten, und dann ein so kompliziertes Fluggerät wie einen Hubschrauber mit einem Blutalkoholwert von 1,5 Promille steuert. Ein Wert, der im Straßenverkehr absolute Fahruntüchtigkeit bedeutet hätte.

 

 

Hat denn wirklich niemand etwas gemerkt?

 

„Wir haben erst gemerkt, daß er Alkoholiker ist, als er einmal nüchtern zur Arbeit kam! - Nein, das ist keine Aussage der Kollegen gewesen, sondern ein Witz, den ich neulich in einer Zeitung las. Aber Witze gewinnen ihre Komik ja häufig aus der Wahrheit, die aus ihnen spricht.

Warum hat niemand der Kameraden und Vorgesetzten rechtzeitig eingegriffen, obwohl die Umstände auf eine massive Alkoholproblematik des Piloten hinweisen. Ein Ausmaß von Alkoholproblemen, das nach meiner Erfahrung im beruflichen Umfeld des Piloten nicht verborgen geblieben sein kann. Äußerungen, die von Kollegen in diesem Zusammenhang gleich nach dem Absturz gemacht worden sind, unterstützen diese Auffassung (vergl. Hamburger Abendblatt).

Muß hier nicht möglicherweise von einer Vernachlässigung der Aufsichtspflicht gesprochen werden? In diesem Sinne äußerten sich auch nach dem Bekanntwerden der Alkoholwerte Stimmen in Rundfunkinterviews, die Schadenersatzforderungen der Hinterbliebenen an die Vorgesetzten des Bundeswehrpiloten nicht ausschlossen. Die individuellen Umstände dieser Katastrophe liegen also klar vor Augen und man könnte an die Frage herangehen, wie es dazu kommen konnte. So wie dies beim Amoklauf in Erfurt nachdrücklich und in Permanenz geschieht.

Doch offenbar ist mit der Trauerfeier und der Beerdigung der Absturzopfer auch gleichzeitig die Diskussion um Ursachen und Konsequenzen des Todesfluges begraben worden.

 

 

Nicht jeder (Vor-)fall will aufgeklärt werden

 

Dabei wäre es naheliegend und ganz ohne Spekulationen möglich, die Umstände, die zu dem Tod von fünf Menschen geführt haben, einmal genauer zu untersuchen. Und in diesem Zusammenhang die Frage zu klären, wie es möglich war, daß ein Pilot der Bundeswehr seinen Dienst betrunken ausüben konnte. Vielleicht existieren ja Bedingungen bei der Bundeswehr, die den Konsum von Alkohol unbewußt fördern,  oder ihn gar als unverzichtbar erscheinen lassen. Aber wie abgeschnitten war plötzlich die Berichterstattung nach den Trauerfeiern und dies obwohl die Erfurter Katastrophe noch gar nicht die öffentliche Meinung aufgerührt hatte.

Das kann doch nicht nur daran liegen, dass es sich in Hamburg nicht um Mord gehandelt hat.. Und dass die Zahl der Toten nur ein Viertel derjenigen aus Erfurt betragen hat. Aber nicht einmal im Verhältnis 1 : 4 fand eine Ursachenforschung statt.  Einige Gründe für das kollektive  Schweigen liegen vermutlich in der umfassenden Akzeptanz, die Alkohol in unserer Gesellschaft genießt, und deren individuelle Hintergründe ich in meinem letzten Beitrag versucht habe anzudeuten.

Ein anderer kann möglicherweise in der besonderen Affinität eines Militärapparates wie der Bundeswehr zu Alkohol liegen. Diesem Aspekt möchte ich mich darum ein wenig genauer zuwenden.

 

 

Berufsrisiko beim Militär: Extrembelastungen

 

Angehörige des Militärs sind auf Grund ihrer Aufgabenstellung und wegen der Struktur ihrer Organisation überdurchschnittlichen psychischen Belastungen ausgesetzt. Die primäre Aufgabe der Soldaten ist es, in einem Verteidigungsfall das eigene Territorium unter allen Umständen zu schützen. Dies bedeutet den potentiellen Gegner kampfunfähig zu machen, oder ihn ggf. zu vernichten.

Dabei kann das Ziel ausschließlich den militärischen Gegner zu treffen i.d.R. nur ausnahmsweise eingehalten werden. Bei den Kampfhandlungen im Nahen Osten und dem Krieg in Afghanistan hat es in der Zivilbevölkerung schwerste Verluste an Menschenleben und Infrastruktur gegeben. Die Selbstverständlichkeit mit der die Führung auch solche Ergebnisse ihrer kriegerischen Auseinandersetzungen in Kauf nimmt, dokumentiert sich in der militärischen Begriffsschöpfung, der sog. "Kollateralschäden". Kein anderer Beruf ist mit derartigen Folgen seiner Handlungen konfrontiert, keine andere Tätigkeit  geschieht mit dem indirekten Arbeitsauftrag menschliches Leben zu vernichten.

Gleichgültig unter welchen ideologischen Rechtfertigungen dies geschieht und daß sich Menschen freiwillig für einen solche Tätigkeit entschieden haben, bedeuten Auftrag, Training und reales Erleben der Folgen dieses Berufskonzeptes eine überdurchschnittliche Belastung für die Soldaten. Nur Polizei, Feuerwehr oder Rettungsflieger der Bundeswehr unterliegen bei ihren Notfalleinsätzen ähnlichen Belastungen.

Die Bahnkatastrophe in Eschede hat die Bedeutung und Auswirkungen einer derartigen grauenhaften Konfrontation mit schwersten Verletzungen und dem zivilen Tod auf die menschliche Psyche nachdrücklich ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt. Und welche Folgen die Traumata von Erfurt auf die Einsatzkräfte, aber auch auf Schüler und Lehrer haben werden, vermag noch niemand zu sagen. Doch nicht nur solche Extremerfahrungen wirken als typische Belastungsfaktoren, sondern auch die außerordentlichen Befehlsstrukturen einer militärischen Hierarchie.

 

 

Befehl und Gehorsam als militärische Existenzgrundlage

 

Was glauben Sie, wie sich eine Armee am effektivsten außer Gefecht setzen lässt? Geben Sie ihr nur den Befehl, jeden Befehl zu diskutieren! Eigentlich schon ein Widerspruch in sich, denn ein Befehl schließt ausdrücklich jede Form von Diskussion aus. Tatsächlich dokumentiert sich darin das innere Funktionsprinzip

(para-)militärischer Organisationen. Nur durch den totalen Ausschluss jeglicher individueller Meinungsbildung, die schließlich  in einer kontroversen Diskussion gipfeln würde, werden auch unmenschlichste Befehle ausgeführt.

Zahllose Verbrechen an der Menschlichkeit während des Dritten Reiches, aber auch im Vietnam-Krieg und bei den Kampfhandlungen auf dem Balkan sind Beispiele für die Totalität dieser Befehlsstruktur. Damit diese totale Unterordnung erfolgreich durchgeführt werden kann, bedarf es massivster Unterdrückungs- und Entwürdigungsrituale. Einige der bekanntesten Darsteller "erfolgreich" verlaufener militärischer Sozialisation sind die amerikanischen Spezialeinheiten Ranger und "Ledernacken".

Durch gnadenloses Training und menschenverachtende Ausbildung wird eine extreme Verrohung individueller Verhaltensweisen erzeugt, die sich in einer totalen Härte gegen jedermann und einer vollständigen Unterwerfung gegenüber der Befehlsgewalt offenbart. Zu diesem Thema erschien 1999 in der "Zeit" ein bemerkenswertes Interview mit dem ehemaligen amerikanischen Offizier und Militärpsychologen, Dave Grossman, in dem er die Methoden dieser Dressurmaschinerie beschreibt

("Die Zeit" Nr. 39 vom 23.9.99)

 

Viele deutsche Rekruten kennen ähnliche "Erziehungsrituale" aus ihrer Bundeswehrzeit; z.B. wenn Bestrafungen ausschließlich um der Bestrafung willen ausgesprochen wurden und nicht weil sie vorangegangenes Fehlverhalten sanktionieren sollten. Dass ein derartiges Erleben von individueller Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht psychisch unerträgliche Belastungen erzeugt, liegt auf der Hand. Und trotz allen Trainings und aller ideologischen Begründungsversuche ist es bisher nicht gelungen, Soldaten so abzurichten, dass sie folgenlos gegen alle Gebote der Menschlichkeit handeln.

 

 

Alkohol und Drogen als Medizin gegen Psychostress

 

Doch wenn sie dies, aus welchen Gründen auch immer, tun, muß es wenigstens etwas geben, dass es ihnen leichter macht, oder das Vergessen fördert. Alkohol und Drogen sind dafür ideale Helfer. In keinem Krieg war Drogenkonsum so an der Tagesordnung, wie bei dem in Vietnam, kein Krieg hat  mehr Heroinabhängige hervorgebracht, als dieser. [1] 

 

Solange es Armeen gibt, ist der "Suff" das älteste und ideale Kompensationsmittel für erlittenes oder erteiltes Unrecht, für Unterdrückung und Frustrationen aller Art und Betäubungsmittel für Angst, Abscheu und Grausamkeit.

Die Formen dieses Kompensationsverhaltens sind vielfältig: der stille, einsame Trunk, das gruppenmäßige Besäufnis mit Trinkfestigkeitsübungen unter dem Motto -Trinken bis der Sani kommt - oder das  Beruhigungstrinken vor oder nach besonders schwierigen oder belastenden Einsätzen.

Nicht wenige, die beim Bund gedient haben oder bei Rettungsdiensten tätig waren, kennen diese regelmäßigen, ritualisierten und akzeptierten Trinkübungen. Manöverabende z.B., die im Komasaufen enden und deren restalkoholisierte Teilnehmer am nächsten Morgen mit scharfer Munition hantieren. Betrunkene Soldaten, die im Vollrausch militärische Einrichtungen zerstören oder den öffentlichen Straßenverkehr verunsichern. Der vereinzelte Entlastungsschluck vor bedrohlichen Anforderungen und der selbstverständliche Entspannungstrunk nach Katastropheneinsätzen.

 

 

Die Kehrseite dieser Medizin: Unberechenbarkeit und Chaos

 

Kaum anzunehmen, daß bei einem solchen Klima, Alkoholkonsum problematisiert oder Mißbrauchsverhalten verhindert wird. Die Realität zeigt, daß die Kehrseite des Alkoholkonsums als Kompensations- und Betäubungsmittels, Kontrollverlust und totale Unberechenbarkeit,  offenbar billigend in Kauf genommen werden.

Denn genau mit dieser Seite, eines aus der Kontrolle geratenen Alkoholkonsums, haben sich Individuum und Gesellschaft permanent herum zu schlagen. Sei es durch die direkten tödlichen Folgen, z. B. im Straßenverkehr oder bei Gewaltdelikten oder durch die ökonomischen Folgeschäden. Eine Folge ganz anderer Art, nämlich die der politischen, möchte ich hier einmal beispielhaft für Kontrollverlust und Unberechenbarkeit des Alkoholmissbrauchs erwähnen.

Hans-Joachim Tietge war in der Zeit des kalten Krieges ein hoher Beamter  des westdeutschen Geheimdienstes BND. Seine Alkoholabhängigkeit war in seinem Arbeitsumfeld bekannt. Eine gezielte Intervention fand nicht statt, ein mögliches Sicherheitsrisiko glaubte man kontrollieren zu können. H.-J. Tietge wechselte dennoch ungehindert die Fronten und verbrachte seinen Lebensabend beim Staatssicherheitsdienst der DDR. Welchen Umfang seine geheimen Mitteilungen an die Stasi hatten, ist bis heute unbekannt. Genauso wie die politischen Folgen für das deutsch-deutsche Verhältnis...

Alkoholiker lassen sich nicht kontrollieren und die Folgen dieses Irrtums sind nicht selten unabsehbar.

 

 

Belastungen bearbeiten - Auffälligkeiten erkennen

 

Der Hubschrauberabsturz ist da keine Ausnahme, sondern erneut eine traurige Regel. Dennoch, die Tragik und die katastrophalen Folgen, sollten Anlaß genug sein, den Umgang mit Alkohol grundlegend zu überdenken. Und zwar gerade bei Organisationen, die systemimmanent und traditionell eine besondere Affinität zum Alkohol aufweisen. Andere Lösungsmöglichkeiten sind doch vorhanden.

Die Angebote extreme Belastungen mit professioneller Hilfe psychologisch zu verarbeiten, wie z.B. nach der Bahnkatastrophe von Eschede, sind eine reale und sinnvolle Alternative gegenüber einer bloßen Betäubung mittels Alkohol. Vollständig verhindern läßt sich der mißbräuchliche Konsum allerdings nicht. Genauso wenig wie der gewalttätige Einsatz von Schußwaffen. Der elementare Unterschied zwischen einer Alkoholtat und einem Amoklauf besteht in der Früherkennung und den Reaktionsmöglichkeiten.

Der Hubschrauberabsturz hätte mit großer Wahrscheinlichkeit verhindert werden können, wenn man sich des vorhandenen Frühwarnsystems bei Alkoholauffälligkeiten bedient und rechtzeitig interveniert hätte. Gegen einen Amokläufer wie Robert Steinhäuser  existiert kein vergleichbares Instrumentarium. Gegen einen Gewohnheitstrinker schon.

Wer mit 1,5 Promille einen Hubschrauber steuern kann, trinkt gewohnheitsmäßig und im Übermaß. Die Grenze zum risikohaften Alkoholkonsum liegt laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Männer bei 30-40g Alk./Tag (z.B. 0,6 – 0,8l Bier). Nach dem Konsum von 0.5l Bier hat ein ca. 80kg schwerer Mann nach einer Stunde ungefähr 0,4 Promille. Der Pilot und sein Bordmechaniker hatten acht Stunden nach dem letzten Konsum noch 1,5 bzw. 1,3 Promille.

Die beiden haben also weit über ein risikohaftes Maß hinaus getrunken und ihre Fahne am nächsten Morgen muß zum Himmel gestunken haben. Doch niemand hat die Flugfähigkeit des Piloten offiziell angezweifelt oder ist aus Sorge um die eigene Gesundheit nicht mitgeflogen. Was hätte das auch für einen Skandal gegen den potentiellen "Arbeitsverweigerer" gegeben, wenn alle wieder unversehrt zurückgekommen wären. Und wenn nicht, läge der schwarze Peter auch bei dem  "feigen Drückeberger", weil er einen Todesflug nicht verhindert  hätte.

Eine Zwickmühle aus der zu entkommen nur Klarheit und Sicherheit im Umgang mit Alkoholmißbrauch möglich machen. Wie kriegt man die? Indem man sich Klarheit und Sicherheit verschafft.

 

 

Ein Programm gegen Alkoholmissbrauch am Arbeitsplatz...

 

Zahllose Betriebe haben das längst begriffen. Sie bieten für ihre Führungskräfte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausführliche Informationen und schulen sie darin, wie man Alkoholprobleme frühzeitig erkennen kann. Und wie man darauf reagiert und damit die möglichen fatalen Folgen von Alkoholmißbrauch erfolgreich verhindert. Gleichzeitig wird ein komplettes Instrumentarium zur Verfügung gestellt, daß den Führungskräften eine systematische und zielgerichtete Intervention bei Mitarbeitern mit Alkoholauffälligkeiten ermöglicht. Dienstvereinbarungen, Stufenplan und Interventionskette sind die Stichworte in diesem Zusammenhang.

Offenbar fehlte im Umfeld des Bundeswehrpiloten die notwendige Klarheit in der Einschätzung und die Sicherheit im Handeln. Und das Wissen um die realen und täglichen Folgen  des Alkoholmißbrauchs half den anderen Besatzungsmitgliedern auch nicht, sich vor einem alkoholisierten Piloten in Sicherheit zu bringen. Was haben die mehr als 1000 Unfalltoten im Jahr, die durch betrunkene Autofahrer ihr Leben lassen müssen, schon mit einem zu tun. Ist es vielleicht immer noch üblich, daß man sich neben einen angetrunkenen Fahrer setzt und hofft, daß alles gut gehen wird? Und was ist mit den Gewalttätern, die morden, totschlagen und vergewaltigen und von denen mehr als 50% unter Alkoholeinfluß gestanden haben? Uns wird schon nichts passieren, hoffen wir das?

 

 

...und eine öffentliche Diskussion

 

Doch es geht mir nicht um das individuelle Ausweichverhalten Einzelner vor den bedrohlichen Folgen alkoholisierter Mitmenschen. Die Frage steht nach wie vor, sind Katastrophen wie der Absturz oder der Amoklauf verhinderbar oder nicht.

Ein Amoklauf jedenfalls nicht. Das wäre so, als wolle man den Ausbruchszeitpunkt eines Erdbeben mit Sicherheit voraussagen. Ein derartiger Absturz aber, hervorgerufen durch einen alkoholisierten Piloten, ja. Was braucht es dafür? Zum einen die konsequente Nutzung und Anwendung der vorhandenen Instrumente zum Umgang mit Alkoholproblemen am Arbeitsplatz. Damit dies aber auch geschieht, muß eine öffentliche Debatte über Ursachen und Konsequenzen gerade auch im Zusammenhang mit dem Hubschrauberabsturz geführt werden.

Und wie das funktionieren kann? Z. B. so: Das "Hamburger Abendblatt" hat eine Serie gestartet: - Die Serie antwortet auf Fragen, die...alle bewegt, die sich um die Zukunft...unserer Gesellschaft Gedanken machen. Sie bietet Bestandsaufnahmen, Analysen sowie Telefonnummern und Adressen für Rat und Hilfen. - (Hamburger Abendblatt HA vom 13.5.02) Ein guter Vorschlag, nicht wahr!  Wenn es jetzt dabei auch um die Hamburger Katastrophe gehen würde und nicht nur um die Konsequenzen aus Erfurt, wie es das "HA" meinte, wäre ein erfolgversprechender Weg beschritten.

 

(Rainer Müller-Broders; 17.5.02)

 

 

 

Veröffentlichung im SuchtReport 3/2002

 

Tränen um betrunkene Rettungsflieger
Konsequenzen oder Verleugnung

 

Autor: Rainer Müller-Broders ist Diplom-Pädagoge, arbeitete ab 1987 als Suchttherapeut in Entwöhnungseinrichtungen für Drogenabhängige bei Jugend hilft Jugend e.V. Hamburg. Bis 1993 Beratungsarbeit in Drogen- und Suchtberatung Horizont (Hamburg-Wilhelmsburg) Schwerpunkt Beratung von türkischen Jugendlichen
sowie Beratung in Vollzugsanstalten (Jugendanstalt Hahnöfersand und »Santa Fu«).

Er ist Suchtbeauftragter an der Behörde für Wissenschaft und Forschung der Freien und Hansestadt Hamburg