Alkoholkonsum als Gesundheitsrisiko - was ist medizinisch gesichert?

Dr. Michael Peschke, Leiter des AMD - Arbeitsmedizinischer Dienst der Freien und Hansestadt Hamburg


 

 Bisher wurden gesundheitsschädigende Wirkungen von Alkohol vorwiegend unter dem Gesichtspunkt von Sucht bzw. Abhängigkeit betrachtet. Bei langjährigem hohen Alkoholkonsum (> 60 g reiner Alkohol pro Tag) treten gravierende gesundheitliche Schäden auf, die u. a. das zentrale und periphere Nervensystem, innere Organe (Herz, Leber, Bauchspeicheldrüse) so­wie Stoffwechselprozesse (Zucker- und Fettstoffwechsel) betreffen. Etablierte Systeme der stationären Suchttherapie sowie ambulante Behandlungsangebote stehen zur Verfügung. Seit einigen Jahren richtet sich jedoch die Aufmerksamkeit stärker auf Alkoholkonsumformen, die zu Gesundheitsschädigungen führen können, ohne dass die diagnostischen Kriterien der Abhängigkeit bereits vorliegen. In den international gebräuchlichen Diagnose-lnventaren werden hierfür Begriffe wie "schädlicher Alkoholgebrauch" (ICD 10) bzw. "missbräuchlicher Alkohol­konsum" (DSM-IV) verwendet. Kriterium für einen derartigen Alkoholkonsum ist zum einen die gesundheitsschädigende Wirkung, zum anderen werden Auswirkungen im Sozialbereich (z.B. gehäufte Fehlzeiten am Arbeitsplatz, verminderte Leistungsfähigkeit und Vernachlässigung wesentlicher Interessen) sowie Alkoholkonsum in Situationen mit besonderen Gefährdungen herangezogen. Eine Expertengruppe (BÜHRINGER u. a., 2000) hat im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums folgende Alkoholkonsumformen im Hinblick auf langfristige gesundheitliche Schadwirkungen definiert: 

 

1.

risikoarmer Konsum

< 30 g pro Tag für Männer,

< 20 g pro Tag für Frauen

2.

riskanter Konsum

< 60 g für Männer,

< 40 g für Frauen

3.

gefährlicher Konsum

< 120 g für Männer,

< 80 g für Frauen

4.

Hochkonsum

> 120 g für Männer,

> 80 g für Frauen

 

Nach repräsentativen Befragungen zu den Trinkgewohnheiten liegt in der deutschen Gesamt­bevölkerung der Anteil mit einem riskanten Konsum bei 12 %, ein gefährlicher Konsum wird von 4 % betrieben und 0,7 % trinken täglich mehr als 120 g (Männer) bzw. 80 g (Frauen) Al­kohol. Betrachtet man lediglich die Altersgruppe der 18- bis 59-jährigen Personen so liegt der Anteil mit einem Alkoholkonsum > 30 g bei 23,6 % bei Männern, 11,7 % der Frauen trinken mehr als 20 g Alkohol pro Tag (BÜHRINGER u. a., 2000).

Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Alkoholgehalte in Alkoholhaltigen Getränken bedeutet ein Alkoholkonsum von 30 g eine Trinkmenge von ca. 0,75 l Bier pro Tag bzw. von 0,33 l Wein pro Tag.

 

 

Aufnahme, Verteilung und Abbau von Alkohol (Ethanol):

Bei oraler Aufnahme wird Alkohol nahezu vollständig über den Magen-Darm-Trakt in den Or­ganismus aufgenommen. Die Verteilung erfolgt gleichmäßig in allen wässrigen Geweben. Im Fettgewebe reichert sich Alkohol dagegen nicht an. Bezogen auf das Körpergewicht verteilt sich der Alkohol beim Mann auf ca. 70 % der Körpermasse, bei der Frau ist das Verteilungs­volumen wegen eines geschlechtsspezifisch höheren Fettanteils um ca. 10 % niedriger. Der Abbau erfolgt nahezu ausschließlich in der Leber. Dabei entsteht als hochreaktives Zwischen­produkt Acetaldehyd, das nach den vorliegenden toxikologischen Erkenntnissen genotoxische und damit krebserzeugende Wirkungen hat (KOSS, 1994). Die Eliminationsrate schwankt indi­viduell zwischen 0,1 %o und 0,2 %o. Ein beschleunigter Abbau wird lediglich bei Personen mit regelmäßig sehr hohem Konsum beobachtet (SOYKA, 1995).

 

 

Alkohol als Gefahrstoff in der Arbeitswelt:

 

Alkohol (Ethanol) ist ein bedeutsamer Arbeitsstoff und wird vorwiegend als Lösungs-, Reinigungs- und Desinfektionsmittel sowie als Bestandteil in Frostschutzmitteln verwendet. Die Aufnahme am Arbeitsplatz erfolgt nahezu ausschließlich über die Atemwege. Die MAK-Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat 1998 Ethanol als krebserzeugenden und reproduktionsschädigenden Gefahrstoff eingestuft. Der MAK-Wert wurde auf 950 mg/m3 (500 ppm) festgelegt. Bei einer derartigen Exposition am Arbeitsplatz über die gesamte Ar­beitsschicht werden allerdings lediglich Blutalkohol-Werte von ca. 0,01 %o erreicht. Dieser niedrige Grenzwert wurde insbesondere unter Berücksichtigung der krebserzeugenden Ei­genschaften des Ethanol-Abbauprodukts Acetaldehyd festgelegt. Die MAK-Kommission geht in ihrer toxikologischen Bewertung davon aus, dass die Ethanol-Aufnahme bei einer Einwir­kung im Bereich des MAK-Wertes über das gesamte Arbeitsleben nicht die Schwankungs­breite der endogenen Ethanol-Bildung überschreitet. Daher kann bei Einhaltung des MAK-Wertes eine relevante Erhöhung des Krebsrisikos im Vergleich zur nicht beruflich exponierten Bevölkerung ausgeschlossen werden. Akute oder chronische Gesundheitsschäden sind bei einer beruflichen Exposition gegenüber Ethanol im Bereich des MAK-Wertes nicht zu erwarten (GREIM, 1998).

 

 

Akut-toxische Alkoholwirkungen:

Die akuten Effekte von Alkohol (Ethanol) beschränken sich auf das zentrale Nervensystem und werden in leichter Ausprägung bereits ab einer Blutalkoholkonzentration von ca. 0,2 %o beobachtet (GREIM, 1998).

 

Folgende Veränderungen können auftreten:

 Psychische Veränderungen:

allgemeine Enthemmung

erhöhte Reizbarkeit bis zur Aggressivität

gesteigerter Antrieb

Einschränkung des Kritikvermögens

erhöhte Risikobereitschaft

Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen

Wachheits/Vigilanzstörungen,

eingeschränkte Erfassung, Verarbeitung und Bewältigung komplexer Situationen

 

Sehvermögen:

gestörte muskuläre Balance und Koordination der Augen

Einschränkungen von Sehschärfe, räumliches Sehen u. Dämmerungssehschärfe

erhöhte Blendempfindlichkeit

Gesichtsfeldeinschränkungen

Fusionsstörungen bis zum Doppeltsehen

 

Kleinhirn:

Gestörter Gleichgewichtssinn Lage- und Raumgefühl und Orientierung Gang- und Standunsicherheiten Störungen der Bewegungskoordination überschießende Bewegungen

 

 

Alkohol-assoziierte Erkrankungen:

 Folgende Erkrankungen können durch langjährigen hohen Alkoholkonsum (SOYKA, 1995) ausgelöst werden:

 

Leber (Fettleber, Alkoholhepatitis, Leberzirrhose)

Herz-Kreislauf (Kardiomyopathie, Hypertonie)

Blut (megaloblastische Anämie)

Peripheres Nervensystem (Polyneuropathie, Myopathien)

Zentrales Nervensystem (epileptische Anfälle, Delir, Wernike-Encephalopathie, Korsakow-

syndrom, Demenz)

Magen-Darm-Trakt (ösophagitis, Gastritis, Mallory-Weiss-Syndrom, Ulcus)

Pankreas (Pankreatitis, Pankreasinsuffizienz)

Stoffwechsel (Diabetes mellitus, Hypertriglyceridämie, Porphyrinstörungen)

Haut (Rhinophym, Gesichtsödem, Spider naevi, Nagelveränderungen)

Krebs (Mundhöhle, Kehlkopf, Rachen, Speiseröhre, Brust, Leber)

Fruchtschädigungen (reduziertes Geburtsgewicht, Alkoholembryopathie)

 

Die meisten der hier genannten Gesundheitsstörungen treten allerdings nur bei Trinkmengen auf, die in den Bereichen "gefährlicher Konsum" bzw. "Hochkonsum" liegen. Medizinische Erkenntnisse über gesundheitliche Risiken bei Konsumgewohnheiten, die der Kategorie "riskanter Konsum" entsprechen, liegen für Lebererkrankungen, Krebs und fruchtschädigende Wirkungen vor.

 

 

Lebererkrankungen:

Zahlreiche Studien haben eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Alkoholkonsum und Lebererkrankungen (Hepatitis, Leberzirrhose) belegt. Im Hinblick auf Schwellenwerte sind die Ergebnisse uneinheitlich. Als gesichert kann gelten, dass ein langjähriger regelmäßiger Konsum von > 60 g Ethanol pro Tag für Männer und > 40 g Ethanol für Frauen zu einer erhebli­chen Risikoerhöhung für Lebererkrankungen führt. Einzelne Studien zeigen allerdings, dass auch schon Alkoholtrinkmengen, die im Bereich von 30 bis 60 g Alkohol pro Tag für Männer und 20 bis 40 g Alkohol pro Tag für Frauen liegen, als Risikofaktor anzusehen sind. Von be­sonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, ob bereits Lebererkrankungen anderer Ur­sache (z.B. chronische Hepatitis B bzw. chronische Hepatitis C) vorliegen (ALSCHER u. BODE, 2001). In diesen Fällen wirkt sich Alkohol potenzierend auf das Risiko für die Entwicklung einer Leberzirrhose aus. Daher kann nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand für Menschen ohne Lebererkrankungen ein regelmäßiger Alkoholkonsum von bis 30 g pro Tag für Männer und bis zu 20 g pro Tag für Frauen als unbedenklich gelten, während bei Lebererkrankungen eine Alkoholabstinenz dringend zu empfehlen ist.

 

 

Krebserkrankungen:

Die krebserzeugenden Wirkungen von Alkohol (Ethanol) sind wissenschaftlich eindeutig belegt (SINGER u. TEYSSEN, 2001). Allerdings erhöht ein langjähriger Alkoholkonsum das Krebsri­siko nicht generell, sondern wirkt sich insbesondere auf Krebserkrankungen der Mundhöhle, der oberen Atemwege sowie der Speiseröhre aus. Von Bedeutung ist eine synergistische Wirkung von Alkohol und Tabakkonsum für diese Krebserkrankungen. Zahlreiche Studien haben darüber hinaus Hinweise für einen Zusammenhang von Alkoholkonsum und Brustkrebs erge­ben. Ein erhöhtes Leberkrebsrisiko ist nach den vorliegenden Erkenntnissen nur für Personen mit sehr hohem Alkoholkonsum anzunehmen, bei denen bereits Leberschädigungen (Hepati­tis, Leberzirrhose) aufgetreten sind.

 

 

Fruchtschädigende Wirkungen von Alkohol:

Ein Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann zu gravierenden Schäden beim Kind führen. Diese Beobachtungen sind bereits seit vielen Jahren bekannt und haben zu dem Beg­riff der so genannten Alkoholembryopathie geführt. Zwar ist das Vollbild dieser Schädigung nur zu erwarten, wenn während der Schwangerschaft ein sehr hoher Alkoholkonsum betrieben wird, jedoch kann sich auch ein moderater Alkoholkonsum (> 15 g pro Tag) bereits negativ auf die Gesundheit des Kindes auswirken. In diesem Zusammenhang wurde ein vermehrtes Auftreten von reduziertem Geburtsgewicht beobachtet (GREIM, 1998).

 

 

Protektive Wirkungen von Alkohol:

Neben der genannten gesundheitsschädigenden Wirkungen gibt es auch Alkoholeffekte, die sich risikominimierend für bestimmte Erkrankungen auswirken. Derartige Befunde liegen insbesondere für die koronare Herzkrankheit und den Schlaganfall vor. (KLUTHE u. THIMMEL, 1998). Als Ursache werden in erster Linie günstige Auswirkungen von Alkohol auf den Fettstoffwechsel (Erhöhung der HDL-Fraktion) sowie blutgerinnungshemmende Wirkungen diskutiert. Ein vermindertes Erkrankungsrisiko für arteriosklerotisch bedingte Krankheiten ist sowohl bei geringem als auch bei hohem Konsum nachweisbar. Andererseits lassen sich vergleichbare Wirkungen auch durch eine gesunde Ernährung und durch ausreichende körperliche Bewegung erzielen. Bei einem regelmäßigen Konsum von > 30 g Alkohol pro Tag bei Männern und > 20 g Alkohol pro Tag bei Frauen überwiegen eindeutig die gesundheitsschädigenden Wirkungen, so dass die hier beschriebenen günstigen Auswirkungen nicht zum Tragen kommen.

 

 

Schlussfolgerungen:

Nach dem derzeitigen medizinischen Erkenntnisstand müssen beim Alkoholkonsum folgende gesundheitlich relevanten Wirkungen berücksichtigt werden:

 

1.  

Akute Alkohol-Effekte können bereits im Niedrig-Dosis-Bereich (ab 0,2 %o) zu psycho-mentalen Leistungseinschränkungen führen. Daher ist für alle Tätigkeiten mit erhöhten Leistungsanforderungen bzw. für Tätigkeiten in Gefahrenbereichen der Verzicht auf jeglichen Alkoholkonsum zu empfehlen.

2.  

Aus arbeitsmedizinisch-toxikologischer Sicht ist Alkohol (Ethanol) ein Gefahrstoff mit akut und chronisch toxischen, reproduktionsschädigenden und kanzerogenen Wirkungen.

3.   

Ein mäßiger Alkoholkonsum (bis 30 g pro Tag bei Männern bzw. bis 20 g pro Tag bei Frauen) im Freizeitbereich schädigt im Allgemeinen nicht die Gesundheit.

4.   

Regelmäßiger Alkoholkonsum oberhalb dieser Schwellenwerte kann gesundheitsschädigende Wirkungen haben und ist daher aus medizinischer Sicht zu vermeiden.

5.   

Bei Personen mit gesundheitlichen Vorschäden der Leber ist Alkoholabstinenz zu empfehlen.

 

 

Literatur:

 

ALSCHER D.M.,  BODE J.C.:

Lebererkrankungen durch Alkoholkonsum und Hepatitis-C-Virusinfektion: Assoziation, Addition

oder Potenzierung ?

In: Dtsch Med Wschr 126 (2001), S. 117-122

BÜHRINGER u.a.:

Alkoholkonsum und alkoholbezogene Störungen in Deutschland

Schriftenreihe des BMG, Bd. 128; Nomos-Verlag Baden-Baden, 2000

GREIM H. (HRSG.).

Ethanol

In: Toxikologisch-arbeitsmedizinische Begründung von MAK-Werten 26. Lfg.,

VCH-Verlagsgesellschaft Weinheim 1998

KLUTHE R., THIMMEL R.:

Gesundheitliche Vorteile durch mäßigen Konsum alkoholischer Getränke ?

In: Dt Ärztebl. 95 (1998), A355-359

KOSSG.:

Kohlenwasserstoffe

in:        MARQUARDT/SCHÄFER (Hrsg.)

Lehrbuch der Toxikologie, B.l. Wissenschaftsverlg. Mannheim 1994

SINGER M.V., TEYSSEN S.:

Alkoholassoziierte Organschäden

In: Dt Ärztebl. 98 (2001), A2109-2120

SOYKAM.:

Die Alkoholkrankheit - Diagnose und Therapie

Verlag Chapman & Hall GmbH, Weinheim 1995

 

 

Dr. med. Dipl. Psych. Michael Peschke

Facharzt für Arbeitsmedizin Umweltmedizin, Psychotherapie